Geschichte

Nach der Unabhängigkeit von Frankreich im Jahre 1960 wurde der Tschad über drei Jahrzehnte von Bürgerkriegen und Rebellenbewegungen bestimmt. Erst mit der Machtübernahme von Idriss Déby 1990 wurden erste Schritte zu einer politischen und ökonomischen Transformation begonnen, die jedoch aufgrund der Darfur-Krise und innenpolitischer Divergenzen wieder rückläufig sind.

Kriegsschrott im Nordosten (Joerg Meyer)

Tag der Unabhängigkeit

11. August 1960

Staatsoberhaupt

Idriss Déby Itno Regierungschef

2018 wurde dieses Amt abgeschafft

Politisches System

Präsidialrepublik

Demokratie Status-Index (Politische Transform.) Rang 123 von 137 (2020)

Korruptionsindex (CPI)

Rang 162 von 180 (2019)

Ibrahim Index of African Governance Rang 47 von 54 (2020)

Geschichte


Frühgeschichte

Der Tschad die Wiege der Menschheit? Seit man den Schädel von Toumai («Hoffnung auf Leben, Lebensmut»), eines ca. 7 Mio. Jahre alten Humanoiden im Djourab gefunden hat, ist darüber eine hitzige Expertendiskussion entfacht worden. Während der neolithischen Periode war die heutige Sahelzone sehr fruchtbar und regenreich, was spektakuläre Felsmalereien im Tibesti und Ennedi- Gebirge im Norden des Tschad deutlich werden lassen. Von der frühen Besiedelung des heutigen Tschad zeugen außerdem etliche Überreste von Tongefäßen und Steinwerkzeugen, die u.a. in der Gegend um den Tschadsee gefunden wurden. 

Besonders interessant gelten dabei die Funde vom legendären Volk der Sao, das als eine der ältesten, eisenführenden Kulturen Westafrikas in die Geschichte eingegangen ist und sowohl einzigartige Bestattungsgefäße herstellte als auch im städtebaulichen und künstlerischen Bereich wegweisend war.

Die historischen Epochen

In vorkolonialer Zeit wurde das Gebiet um den Tschadsee zum Knotenpunkt des Transsaharahandels (Haupthandelsgüter waren Salz, Gold, Elfenbein, Gewürze und Sklaven). Die bedeutendsten zentralistischen Reiche waren Kanem-Bornou, das ab dem 8./9. Jahrhundert zur dominanten Macht in der Tschadregion erstarken sollte, und Baguirmi und Quaddai, die etwa ab dem 16. Jahrhundert Kanem die Vormachtstellung nahmen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts versetzte der Sklavenhändler Rabah al-Zubair aus dem heutigen Sudan die Region in Angst und Schrecken und unterwarf weite Teile der Gebiete um den Tschadsee.

Erst den Franzosen unter General Lamy, die Ende des 19. Jahrhunderts aus dem Süden in die heutigen Gebiete des Tschad eindrangen, gelang es im Jahr 1900, in der entscheidenden Schlacht bei Kousseri, ihm Einhalt zu gebieten. Die Kolonialmacht Frankreich konnte nur in einigen Teilen des südlichen und für sie nützlichen, weil fruchtbaren Tschad (insb. wegen des Baumwollanbaus «Le Tchad utile» genannt) für 60 Jahre Fuß fassen, den nördlichen Teil verwalteten sie rein militärisch. Das Land hatte für die Franzosen überwiegend strategische Bedeutung, so dass auch die Infrastruktur in den Jahren der Kolonisierung nur rudimentär und jeweils nach den wirtschaftlichen und politischen Bedürfnissen ausgerichtet, aufgebaut wurde. Zu diesem Zwecke führten sie im Süden auch ein bescheidenes Bildungswesen ein.

1884
In Berlin (Kongokonferenz) wird Afrika auf dem Papier unter den europäischen Kolonialmächten aufgeteilt. Die Gebiete des heutigen Ts had werden Frankreich zugesprochen, das Ende des Jahrhunderts damit beginnt, von Süden kommend, die Gebiete zu besetzen.

1900
Die französisch besetzten Gebiete werden zum Protektorat Frankreichs, drei Jahre später zur Kolonie der Franzosen erklärt.

1908
Die Kolonie Tschad wird Teil des Verwaltungsgebietes von Französisch-Äquatorialafrika.


1920
Das Gebiet wird zur eigenständigen Kolonie erklärt. 1934 Der Aouzou – Konflikt nimmt seinen Anfang, da die Grenzziehung nach Norden (italienische Kolonie Libyen) von Italien nicht ratifiziert wird.

1946
Der Tschad wird als Überseeterritorium Teil der Französischen Union (Communauté Francaise). Im Land werden die ersten Parteien gebildet und Gabriel Lisette gründet, zusammen mit anderen aus dem Süden stammenden Intellektuellen, die Unabhängigkeitsbewegung ‹Parti Progressiste Tchadien‹ (PPT).

1958
Mit Billigung der Territorialen Versammlung wird der Tschad zur autonomen Republik innerhalb der Französischen Gemeinschaft ernannt.

1960
Am 11. August wird die Republik Tschad in die Unabhängigkeit von Frankreich entlassen. Die neuere Geschichte wurde durch die Politik des ersten Präsidenten des Tschad Ngarta Tombalbaye und seinen Nachfolgern entscheidend geprägt.

Einen groben Überblick zu allgemeinen Eckdaten der Geschichte des Tschad von 1900 bis 2011 bietet  das Netzwerk Afrika und neuere Daten eine Chronologie von Jeune Afrique.

Entwicklung des heutigen Staates

Die postkoloniale Geschichte des Tschad war geprägt von Bürgerkriegen und einer repressiven Staatsmacht. Nach hoffnungstragenden Anfangsjahren kam es durch Zentralismus und Repression schon früh zu Rebellionen in verschiedenen Teilen des Landes. Die vielfach vom Präsidialregime gepredigte nationale Einheit wurde der kulturellen und ethnischen Vielfalt des Landes keineswegs gerecht. Der Tschad blieb nach seiner Entlassung in die Unabhängigkeit ein zerrissenes Land, in dem Menschenrechtsverletzungen und Flüchtlingsbewegungen an der Tagesordnung waren. Vor allem unter Hissène Habré, der von 1982-1990 Präsident des Tschad war, mehrten sich die politischen Morde und Gewaltkampagnen. Dies führte 2005 zu einem internationalen Haftbefehl und der Eröffnung eines offiziellen Verfahrens gegen den Exdiktator. Erst 2016 kam es zur Verurteilung von Habré. (Weitere Informationen finden Sie unter dem Stichwort ‹Menschenrechte›.)

Idriss Déby, der heutige Präsident, erschien in den ersten Jahren nach seiner Machtübernahme 1990 als Hoffnungsträger und Erneuerer auf der politischen Bühne. Er versprach dem tschadischen Volk freie Wahlen, eine neue Verfassung und die Einberufung einer souveränen Nationalkonferenz. Durch diese sollte die Aufarbeitung der Konflikte der letzten Jahrzehnte und der Aussöhnungsprozess in Gang gebracht werden. Aber trotz der anfänglich positiven Entwicklungen sollte es erst 1996 zu den ersten freien Wahlen kommen, wobei deren Ergebnisse umstritten blieben. Der fragile Staatsapparat wurde auch unter Déby weiterhin durch Rebellionen und gewaltsame Konflikte, vor allem im Norden und Osten des Landes, destabilisiert.

Staat

Staatsform und Verfassung

Nach der Verfassung vom 14. April 1996 und in Anlehnung an das französische Modell ist der Tschad eine präsidiale Republik mit einem Mehrparteiensystem, aber mit stark autokratischen Zügen.

Per Referendum wurde die Verfassung mit 61,5 % der Stimmen am 31. März 1996 vom Volk angenommen. Erarbeitet wurde sie von der Souveränen Nationalkonferenz während einer dreijährigen Übergangsphase. Ihre Aufgabe wurde jedoch dadurch erschwert, dass sie zunächst die vorangegangenen jahrzehntelangen gewalttätigen Konflikte aufarbeiten musste.

Seitens der Regierungspartei MPS wurde seit 2000 eine Verfassungsänderung angestrebt, die die Beschränkung der Präsidentschaft auf zwei Legislaturperioden aufhebt. In einer gemeinsamen Deklaration haben sich fast alle Oppositionsparteien scharf gegen den Versuch Débys ausgesprochen, sich auf diese  Weise weitere Wiederwahlen zu ermöglichen. Die Verfassungsänderung wurde dennoch im Mai 2004 durch das Parlament angenommen und vom Volk am 6. Juni 2005 durch ein Referendum bestätigt. Voran gegangen waren schwere Vorwürfe der Opposition über Wahlmanipulationen, die auch nach der Wahl aufrechterhalten wurden.

Seit Mai 2018 gilt im Tschad wieder eine neue Verfassung, die dem Präsidenten weitere Machtbefugnisse beschert. So sind Kabinettsmitglieder und die Justiz nun dem Präsidenten direkt unterstellt und die Position des Premierministers eliminiert. Die Gewaltenteilung ist damit de facto aufgegeben. Im neuen Transformationsstatus-Index der Bertelsmann Stiftung von 2020 erreicht der Tschad den Rang 123 von 137 (2014 war es Platz 116 von 129) untersuchten Staaten.

Die Urheberin Brigitte Salzberger, Ethnologin (MA), geb. 1967 lebt und arbeitet in Rheinland-Pfalz. Ich habe Frau Salzberger per E-Mail kontaktiert. Im Vorfeld habe ich die Übernahme der Inhalte mit der GIZ besprochen. Das Länderportal ist im Juli 2021 abgeschaltet worden und wurde bis dahin aktualisiert.